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Neues aus der Kunstwelt Avantgardist mit Sendungsbewusstsein

By RSS Feed | February 9, 2008

Der Komponist Karlheinz Stockhausen ist tot. Obwohl Karlheinz Stockhausen schon in jungen Jahren zu den großen, revolutionären Komponisten des 20. Jahrhunderts gezählt wurde, schien er doch zuletzt deutlich unter fehlender Anerkennung zu leiden. Stockhausens Zeit war so gründlich abgelaufen, wie es Künstlern seines Formats selten zu Lebzeiten widerfährt. Während er 1970 bei der Weltausstellung in Osaka in einem eigens entworfenen Kugelauditorium wie ein Gott der Klänge agierte, vom Mischpult seine Raummusik Millionen Menschen vorführte, verirrten sich in den letzten Jahren oft nur ein paar Freunde der Bassklarinette in seine selten gewordenen Auftritte.
Karlheinz Stockhausen spürte natürlich den wachsenden Widerstand nur zu deutlich. Und wetterte bei seinen öffentlichen Auftritten über die Unsitten des Marktes, darüber zum Beispiel, dass auf Schallplatten beziehungsweise Compact Discs der Name des Dirigenten oftmals größer gedruckt wird als der des Komponisten. Er gründete eine eigene CD-Edition, die auf 86 Silberlingen sein Gesamtwerk präsentiert - und wo der Name Stockhausen in schön geschwungener Schrift unangefochten die Cover dominiert.
Zum Ruhme des 1928 in Mödrath bei Köln geborenen Komponisten trug seine Musik ebensoviel bei wie seine Person. Stockhausen ging nicht nur - und das schon früh - als einer der epochalen Schöpfer elektronischer Musik in die Geschichte ein, als eigenwilliger Fortentwickler serieller Techniken, als Großmeister der Raummusik, der er mit seiner Studioproduktion “Gesang der Jünglinge” zu einem beispiellosen Erfolg verhalf - Stockhausen verwob all dies mit seiner privat-philosophischen Betrachtung des Universums, in welchem Familienmitglieder zu Himmelkörpern avancierten und musikalisch entsprechend glorifiziert wurden. Man hielt dies für Größenwahn; es war aber auch eine letzte, spielerische Referenz an den alten, längst tot geglaubten Idealismus, an den Gedanken, dass jedes Subjekt teilhat an der Schöpfung. Für Stockhausens Fans waren derlei Capricen essenziell, sie hielten es für natürlich und angemessen, dass Stockhausen stets die vier Himmelrichtungen und die vier Elemente, die antiken Götter und Sternzeichen sowie seine eigenen Kinder in einen kompositorischen Topf warf, dass er sein Ego ins Unermessliche transzendierte.
Sie bezweifelten nie, dass sich dieser Anspruch künstlerisch einlösen ließ. Für die kritische Öffentlichkeit trat das theologische Selbstverständnis Stockhausens, der sich einmal als ‘Radioapparat Gottes’ bezeichnet hatte, kurz nach dem 11. September 2001 irritierend zu Tage. Stockhausen hatte schon früher solche Sachen gesagt wie: “Ich wurde auf Sirius ausgebildet, und dort will ich auch wieder hin, obwohl ich noch in Kürten bei Köln wohne” - jetzt sagte er, die Terroranschläge in New York seien “das größte Kunstwerk, das es überhaupt gibt für den Kosmos.”
Stockhausen begriff schnell, dass er seinen Kunst-Autismus zu weit getrieben hatte, aber zurückrudern ging nicht. Er blieb, der er war, alles andere wäre kleinmütige Charakterlosigkeit gewesen. Vor zwei Jahren konnte er den Zyklus “Licht” vollenden, eine insgesamt fast 30 Stunden dauernde Mega-Musik, ein siebenteiliges Happening, das bislang in voller Länge nicht aufgeführt werden konnte. Da war er am Ziel, und er hielt dieses Werk für den Zielpunkt der modernen Musik schlechthin. Für die Vollendung der Welt.
Gelassen konnte er dem zusehen. Stockhausen thronte wie eh und je im orangeroten Pullover, seinem weithin sichtbaren Erkennungszeichen, am Mischpult, wo er noch immer Musik mit messianischen Verkündigungen und theoretischen Unterweisungen zu mixen liebte. Und dabei sympathisch bescheiden, ja durchaus rührend wirken konnte. Er war ein Gigant, ein Verkünder des neuen und vielleicht nie kommenden Tages, ein Besessener auf alle Fälle, ein Provokateur im betulichen Moralinstitut namens Bundesrepublik. Er war ein Mann, der einer Idee folgte, und darin lag das Geheimnis seiner Größe. Karlheinz Stockhausen starb 79-jährig am vergangenen Mittwoch in Kürten. Sein Platz bleibt leer.

Text: Volker Tarnow
Quelle: welt.de


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